Börny, deine Wünsche wurde erhört. Hier ist er…..
Ode an das Leben
Nur noch ein Meter, dann ist Paul dort angekommen, wo er sich schon seit langem hin wünscht. Er braucht nur noch ein paar mal einen Fuß vor den anderen zu setzen und schon steht er vor dem Abgrund. „Vor dem Abgrund stehe ich schon ewig.“
Sein Leben bestand aus lauter Abgründen. Er wird von aller Welt gehasst – zumindest denkt er das. Er findet keinen Lebensmut mehr, alles was er tut macht keinen Sinn mehr. Warum sollte auch irgendetwas Sinn machen, wenn das Leben selbst keinen Sinn macht?
Seine Gedanken sind leer, es ist nur noch ein kleiner Gedanke übrig geblieben, nämlich der Gedanke, das Leben wegzuschmeißen.
„All die Leute, die sich nicht die Sinnfrage stellen sind doch Idioten. Sie denken nicht nach und leben einfach nur so in den Tag. Was soll das?? Scheiße.“
Es gibt wahrhaftig Menschen, die einfach nur leben, die mit 18 Abitur machen, mit Anfang 30 selbst Kinder bekommen, eine Job haben und mit 80 sterben. Wofür heben sie dann gelebt? Ja, damit beschäftigt sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Griechen, Römer, Ägypter, Perser und alle anderen Völker, die das Denken einigermaßen beherrschten, dachten darüber nach. Eine Antwort konnte bisher niemand geben, auch Paul kann das nicht, aber vielleicht ist das Denken über den Sinn des Lebens schon der Sinn an sich.
Paul ist das egal. Er will nicht mehr, denn vor kurzem wurde ihm das letzte Pfündlein Hoffnung an das Leben genommen. Er steht über dem Abgrund. Sein Blick geht hinunter. Die Menschen, die Autos, selbst der kleine fahrbarere Dönerstand von gegenüber sieht aus, als wäre er aus LEGO.
„Ich werde jetzt springen. Dann werden die da unten schon merken, wie ernst es mir war.“
„Tus nicht. So beschissen kann dein Leben doch nicht aussehen, dass du es durch eine Sprung aus 55 m Höhe beenden musst?“
Paul dreht sich um, sieht aber niemanden. „Wer war das? Is da jemand?“ Nichts. Nur das Anzugsrohr der Belüftungsanlage macht sich durch ein starkes Surren bemerkbar.
„Das Leben war so ungerecht, es gibt nichts mehr was es rechtfertigt.“
„Du steckst zwar bis zum Hals in der Scheiße, aber die Aussicht is doch ganz gut. Es gibt immer Leute, denen es noch beschissener geht. Doch sie rappeln sich wieder auf, denn das Leben an sich ist schon Geschenk.“
„Wer spricht da?“ Paul ist verwirrt. Er wollte fast schon wieder von der Brüstung hinunter steigen, um nachzuschauen. „Wer ist da? Zeig dich oder ich springe. Das mein ich im Ernst.“
„Nur Feiglinge springen.“
„Dann bin ich eben ein Feigling.“
Paul wollte aber eigentlich kein Feigling sein. Wenn ihn früher jemand Feigling nannte, dann bekam derjenige etwas aufs Maul.
„Wer hat denn was davon, wenn du springst? Es wird einen großen Fleck auf der Straße geben, ein paar neugierige Passanten werden deinen aufgeplatzten Körper begutachten und 2 Tage später werden deine Überreste in eine 2m x 0.5 m breite, unterirdische Wohngemeinschaft geschafft, wo du dann dein Tot-Sein verbringen kannst. Ein paar Blumen und der Priester gibt dir einen Segen, mit dem du nun auch nichts mehr anfangen kannst.“
Paul beginnt nachzudenken. Er denkt an seine Familie. An seine Eltern. „Soll ich ihnen das antun?“
„Das haben deine Eltern nicht verdient, auch wenn es vielleicht Streit gab. Sie haben dich in diese Welt gesetzt und du wirst auch wieder Kinder in die Welt setzten, die sich vielleicht auch wieder die Sinnfrage stellen werden.“
„Ich will doch gar keine Kinder.“
„Das kannst du jetzt noch nicht wissen. Wenn du Kinder hast, dann wirst du nicht mehr hassen können.“
Paul macht einen Schritt. Er geht aber zurück. Weg von der Brüstung. Der Wind bläst ihm durchs Haar und die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. „So schlimm ist die Welt doch gar nicht.“
Es muss ja auch nicht alles immer einen Sinn machen. Wenn der Sinn des Lebens gefunden werden würde, wäre es eigentlich viel schlimmer. Das wäre eigentlich ein Grund Selbstmord zu begehen, denn dann kann man nach nichts mehr suchen.
Auf dem Nachhauseweg kauft sich Paul einen Döner und schaut hoch zur Brüstung. „Das ist ein weiter Weg nach unten. Vielleicht sollte ich lieber mal einen Weg nach oben finden.“
P.S.: Die schlimmste Zeit ist oft die kreativste Zeit, Mätti.